Seit ein paar Wochen bestimmt ein kleiner Wald zwischen Köln und Aachen die Nachrichten. Seit sechs Jahren wohnten dort Aktivisten in selbsterrichteten Baumhäusern und hielten den mittlerweile nur noch zwei Quadratkilometer großen Hambacher Forst besetzt. Ihr Protest richtete sich gegen den Energiekonzern RWE, der den Wald zur Gewinnung von Braunkohle in diesem Jahr roden möchte. Aufgrund einer Klage des BUND (Bund für Umwelt und Natur Deutschland), welche derzeitig noch verhandelt wird, darf RWE mit der Rodung nicht vor dem 14. Oktober anfangen. Dennoch hat die Landesregierung von NRW am 13. September mit einem Großaufgebot der Polizei begonnen, den Wald zu räumen und hat diese Woche das letzte Baumhaus abgerissen. Der Hambacher Forst ist inzwischen zum Politikum geworden und hat eine Debatte über die Nutzung der klimaschädlichen Braunkohle entflammt.

RWE auf der einen Seite…

1970 erhielt RWE vom Land NRW die Genehmigung in Hambach Braunkohle zu fördern, um die Energieversorgung des Landes gewährleisten zu können. Bis 2040 darf der Konzern dort weiter baggern und für diesen Zweck auch den Restbestand des Hambacher Forstes abholzen, was zuletzt 2016 durch die rot-grüne Landesregierung genehmigt worden war. Die einzige Einschränkung ist eine allgemeine Bestimmung zum Natur/- und Artenschutz, weshalb RWE den Forst nur zwischen Oktober und Februar roden darf. Ansonsten ist der Energieriese juristisch gesehen im Recht – bis jetzt. Denn zurzeit läuft die eben angesprochene Klage des BUND gegen RWE und seine Rodungspläne vor dem Oberlandesgericht Münster. Eine Entscheidung steht jedoch noch aus.

Der Waldpädagoge Michael Zobel, der monatliche Waldspaziergänge durch den Hambacher Forst organisiert, hatte 2017 in einem Schreiben an RWE appelliert, die letzten Hektar Wald zu erhalten. In einem Antwortschreiben des Konzerns hieß es, die Rodung sei „zwingend erforderlich (…), um den Fortschritt des Tagebaus und damit einen wichtigen Teil der Stromversorgung Deutschlands nicht zu gefährden.“ Es wird betont, dass fast 15 Prozent des Stroms für NRW aus der Hambacher Braunkohle entstünden und zudem die Wiederaufforstung im bereits ausgekohlten Tagebaugebiet zum Erliegen käme. Kritiker meinen, dass RWE mit den mehreren hundert Metern zwischen der jetzigen Abbruchkante und dem Wald noch zwei bis fünf Jahren auskäme, ohne dass ein Baum im Hambacher Wald fallen müsste und ohne dass der Konzern Verluste macht. RWE entgegnet,  man müsse diese Zeit nutzen, um den Boden unter dem Wald beispielsweise auf archäologische Funde oder Weltkriegsbomben zu untersuchen.

In dem Tagebau Hambach arbeiten 1.270 Menschen und zusätzliche 3.320 in den Kraftwerken, dem Bahnbetrieb und Veredlungsbetrieben. Neben dem Erhalt der nicht unbedeutenden Zahl der Arbeitskräfte gibt Konzernchef Rolf Martin Schmitz zu bedenken, dass ein Verzicht der Nutzung der Kohle unter dem Hambacher Forst die RWE vier bis fünf Milliarden Euro kosten könne (zum Vergleich: 2017 lag der Nettogewinn von RWE bei 1, 9 Milliarden Euro) und der Wald in jedem Fall gerodet werden müsse, um eine dann erweiterte Abbruchkante zu stabilisieren.

Man kann RWE, die 2017 nur knapp 5,6 % ihres Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugten, leicht vorwerfen, die Energiewende verschlafen zu haben und viel zu spät auf den Zug der Erneuerbaren und neuen Technologien aufgesprungen zu sein. Der wichtigste Energieträger des Unternehmens war, welch ein Wunder, Braunkohle – mit 36, 7 %. Klar ist, dass der Konzern selber die Verantwortung für diese Fehlentscheidungen trägt, doch ist es am Ende der Arbeitsnehmer, der die Konsequenzen im schlimmsten Fall mit dem Verlust seines Arbeitsplatzes bezahlen muss.

Während RWE kurz davor steht, den Restbestand des Hambacher Waldes abzuholzen, tagt in Berlin die von der Bundesregierung eingesetzte „Kohlekommission„. Diese u. a. aus Vertretern von Energieunternehmen, Wissenschaftlern und Umweltschützern bestehende Kommission soll neben Maßnahmen für den Strukturwandel in diesem Jahr verkünden, bis zu welchem Jahr Deutschland aus der Braunkohle aussteigen könnte und sollte. Von verschiedenen Seiten wird nun kritisiert, dass RWE mit der Rodung des Hambacher Waldes kurz davorsteht, die Braunkohlenutzung für viele weitere Jahre zu beschließen und so Fakten schaffe und die Kommission damit spalte und provoziere. Auf der anderen Seite muss man jedoch einwenden, dass sich diese Kohlekommission bloß mit dem langfristigen Ausstieg aus der Braunkohle beschäftigt und bis zu diesem Ausstiegsdatum RWE auf seinem Grund und Boden selber entscheiden darf, wie sie mit dem Hambacher Forst weiterverfährt.

Ob die Gewinn- und Verlustrechnungen von RWE oder beispielsweise das Argument, man müssen den Wald sowieso roden, um die Abbruchkante zu stabilisieren, tatsächlich auf Fakten basieren oder ob man nur versucht, den Preis für eine spätere Entschädigung in die Höhe zu treiben, ist fraglich. Klar ist jedoch, dass der Konzern bis jetzt im Recht steht, vielen Menschen einen Arbeitsplatz bietet, einiges für die Renaturierung genutzter Flächen tut und seinen Aktionären Gewinne und seinen Kunden Strom liefern muss. Doch weshalb steht dann Deutschlands größter Stromerzeuger so in der Kritik?

Mensch und Umwelt auf der anderen Seite…

Die Front gegen RWE ist in den letzten Wochen stark gewachsen. Tausende kommen wöchentlich zu Demonstrationen nach Hambach, Petitionen für den Erhalt des Waldes finden bis zu 750.000 Unterstützer und viele Menschen rufen zu einem Boykott von RWE-Strom auf. Doch warum finden so viele Menschen diesen Protest, obwohl es sich hierbei nur um wenige Hektar Wald handelt, unterstützenswert?

Der Hambacher Wald, also das, was noch von ihm übrig geblieben ist, mit seinen bis zu 350 Jahre alten Eichen und Hainbuchen, beheimatet 140 geschützte Tierarten und dient als Zwischenstopp einiger Zugvögel. Seit der jüngsten Eiszeit, etwa 12.000 Jahre her, war er einer der größten unangetasteten mitteleuropäischen Mischwälder, bis RWE ihn für die Braunkohle aus 20 Millionen Jahre alten Wäldern unter der Erde aufopferte. Doch ist der Verlust diesen ökologisch wertvollen Waldes nicht das Einzige, was die Natur durch den Tagebau Hambach erleiden muss.

Das Absenken des Grundwassers, um den Tagebau trocken zu legen, beeinflusst viele Ökosysteme nachhaltig. Fließgewässer verändern sich, die Grundwasserqualität kann sinken und der Grundwasserspiegel sinkt nicht nur, wie gewünscht, um Hambach herum, sondern durch die vielen Tagebaue in der Region ist dieser Spiegel selbst in den Niederlanden noch messbar.

Unbestritten sind zudem die Folgen auf das weltweite Klima. Braunkohle ist der klimaschädlichste Energieträger und treibt den Klimawandel mit seinem immensen Co2-Ausstoß immer weiter an. Das Umweltbundesamt errechnete, dass eine Tonne Co2 rund 80 Euro an „gesellschaftlichen Kosten“, also Folgekosten durch den Klimawandel oder Gesundheitsschäden, verursache. Zum Vergleich: RWE hatte allein im Jahr 2015 167 Millionen Tonnen an Co2 ausgestoßen. Natürlich wird der Konzern nicht einen Euro von diesen Folgekosten für Mensch und Natur aufbringen (müssen).

Doch nicht nur die Natur steht der RWE und seiner Energiegewinnung im Weg. Seit Beginn des Hambacher Tagebaus mussten ganze Städte weichen und tausende Bewohner wurden umgesiedelt. Wenn ein Bewohner sich nicht mit einer Entschädigung aus seiner Heimat abfinden will, wird im Zweifelsfall zwangsenteignet. Ob dies, wie im Grundgesetz gefordert, „zum Wohle der Allgemeinheit“ geschieht oder zum Wohle von RWE, ist jedoch fraglich. Dennoch sollen nach 2024 erneut über 2.000 Bürger aus Manheim und Merzenich-Morschenich umgesiedelt werden.

Gehen ohne die Rodung des Hambacher Forstes tatsächlich die Lichter aus?

RWE versucht natürlich den Eindruck zu vermitteln, als sei die Rodung des Hambacher Forstes  für die Energiegewinnung für etliche Haushalte in der Bundesrepublik unverzichtbar. Doch jüngsten Veröffentlichungen aus der Wissenschaft belegen, dass die Braunkohle unterhalb des umstrittenen Waldes kurz- und langfristig nicht mehr benötigt wird. Man geht sogar noch weiter und sagt, dass 1/3 aller Braunkohlekraftwerke von heute auf morgen vom Netz genommen werden könnten, ohne dass die Versorgungssicherheit gefährdet sei.

Zudem könnte man sogar rund die Hälfte der Kraftwerke ohne Risiken abschalten, wenn man wieder mit den umweltfreundlicheren und zurzeit meist stillgelegten oder deutlich unter den Möglichkeiten laufenden Gaswerken (mehr) Strom produziert. Auf diese Art und Weise könnte nicht nur der Hambacher Forst gerettet werden, sondern sogar das Klimaziel 2020, im Vergleich zu 1990 den Co2-Ausstoß um 40 % zu senken, erreicht werden. Die Bundesregierung agiert bislang jedoch zu unambitioniert und scheint sich mit dem Verfehlen der Ziele um 8 % zufriedenzustellen. Ob mit einer solchen Klimapolitik überhaupt das Einhalten des Pariser Klimaabkommens, was die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen soll, möglich ist, bezweifeln Experten. Denn wenn Deutschland weiterhin so viel Co2 in die Luft bläst wie bisher, wäre das uns durch das Abkommen zustehende Co2-Budget bereits 2023 aufgebraucht. Durch diesen Stillstand in Sachen Klimaschutz müssen die Maßnahmen von Jahr zu Jahr, in welchen die Politik schläft, härter, weitgreifender und schmerzhafter werden, um die Klimaziele zu erreichen.

Während die Bundesregierung also tatenlos zuschaut, wie der Planet den Bach runtergeht, die Landesregierung NRWs mit ihrer für RWE genau im richtigen Moment kommenden Räumung (nicht begründet durch die Rodung, sondern aufgrund mangelnden Brandschutzes) zeigt, wie sich Politik und Wirtschaft im Zweifelsfall aushelfen, und RWE seinen Profit über das Wohl von Mensch und Natur stellt, hatten Aktivisten mit ihrer Besetzung des Hambacher Forstes Aufmerksamkeit für dieses Stückchen Wald geschaffen und letztendlich eine bundesweite Debatte über die Nutzung der schmutzigen Braunkohle in Stiel gestoßen. Zwar ist mittlerweile jedes Baumhaus geräumt und RWE beginnt bereits mit den Vorbereitungen für die Rodung, doch hat dieser Protest, der tausende Menschen auf unterschiedlichste Weise mobilisiert hat, gezeigt, dass es im Interesse der Menschen ist, das Klima und die Natur zu schützen. Ein Aufschrei, welchen die Politik nicht ungehört lassen kann, wenn ihr tatsächlich etwas an dem Planeten und der Zukunft kommender Generationen liegt.

 

 

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2 Gedanken zu “RWE gegen den Rest der Welt – der Hambacher Forst und die Braunkohle-Debatte

  1. Lieber Anto,
    Du hast sicher nicht ganz unrecht mit Deiner Ansicjht zm Braunkohleproblem.
    Mir fehlt aber dazu die Einbeziehung der Gesamtstromsituation.
    Es wurde nach dem Tsunami in Japan mit der Zerstörung der Atomkraftwerke von jetzt auf gleich die ganze Elektroenergieversordung auf den Kopf gestellt.
    Um das ganze Problem wertneutral zu behandeln,muss man sicher auch daran denken, dass es nicht schnell genug gelingt die Alternativen umzusetzen. Ich denke dabe an die Trassenführung für den Strom aus der Windkraft aus der Nord- und Ostsee.

    Es wurde alles aus Angst vor weiteren Schäden durch Gaus in den Atomkraftwerken mit zu heißer Nadel gestrickt.

    Wenn die Landesregierung erreicht, die Abholzung das Hambacher Forstes entsprechend des kurzfristigen bedarfs und der Gegenüberstellung mit der Verfügbarkeit des Stromes aus Nord- und Ostsee erreichen könnte, dann wäre das Argument „Urwald“ und alles was damit zusammen hängt entschärft und ein Druckmittel geschaffen, die sicher die doch etwas aus der Luft gegriffene Behauptung der langfristige notwendigen frühen Abholzung zu entkräften.
    Die dürftige und als angeblich starkes Mittel genannte Wiederaufforstung kann ja auch mit etwas Druck von oben beschläunigt werden und das Absinken des Grundwasserspiegels wird sich, so denke ich im Laufe der Zeit, nicht von heute auf morgen, etwas ausgleichen.

    Bei allem fehlt eine kräftige Gegenargumentation. Die, die am lautesten schreien überstimmen immer wieder die so genannte „stille Masse“. Es gibt hier einen bekannten Ausdruck, der mir gerade nicht einfäll,
    wird eine gerechte Diskussion auch hier nicht stattfinden lassen.

    Einen schönen Gruß Opa.

    .

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    1. Für diesen Artikel fand ich es zu weitgreifend, auf die Gesamtstromsituation einzugehen. Es ist leider richtig, dass der Bau der drei Nord-Süd-Stromtrassen aus verschiedenen Gründen nur sehr schleppend vorankommt und der „grüne“ Strom vom Norden bislang noch nicht in den Süden, wo er gebraucht wird, gelangen kann.
      Bei dem Braunkohleproblem gilt zu ergänzen, dass die Braunkohle oft die Leitungen für die erneuerbaren Energien verstopft. Viel Strom aus der Braunkohle wird ins Ausland exportiert, wo er aufgrund seines billigen Preises den dortigen grünen Strom „vertreibt“. Außerdem gilt zu erwähnen, dass Kohlekraftwerke nicht gerade flexibel reagieren können, nicht mal eben schnell runter/- oder raufgefahren werden können, was ebenfalls für das Abschalten von zunächst den dreckigsten Kraftwerken spricht.
      Bezüglich der „stillen Masse“ ist es so, dass sich in einer jüngsten Umfrage 75 % der Deutschen für den Erhalt des Hambacher Forstes durch Maßnahmen der Regierung ausgesprochen haben und 73 % für einen Kohleausstieg bis 2030. Mal schauen, was uns die Kohlekommission im Dezember diesbezüglich verkünden wird.

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