Kurzinterview mit Hans-Christian Ströbele, Die Grünen

Kurzinterview mit Hans-Christian Ströbele, Die Grünen

Am 12. August durfte ich mit Hans-Christian Ströbele auf der Hanfparade in Berlin, Deutschlands größter Demonstration für die Legalisierung von Cannabis ein kleines Interview zum Thema Cannabis und Drogenpolitik durchführen. Hans-Christian Ströbele gehörte von 1985-1987 und dann wieder ab 1998 bis 2017 dem Bundestag an, war dort der einzige direkt gewählte Abgeordnete der Grünen und gilt als die „moralische Instanz“ der Grünen.

Laut der Bundesregierung ist Cannabis eine Einstiegsdroge. Sehen Sie das anders?

Nein, das ist wahrscheinlich auch eine Einstiegsdroge, aber die viel schlimmere Einstiegsdroge ist Bier, das ergeben alle Untersuchungen. Es kommen viel mehr Leute über Bier zu härteren Drogen, zu härterem Drogenmissbrauch, oder auch über andere alkoholische Getränke und Zigaretten. Also das ist überhaupt kein Argument. Ich rate allen ab, irgendeine Droge zu nehmen, aber Drogen wie Alkohol und Zigaretten sind in Deutschland nicht nur legal, sondern man darf sogar für sie werben. Diese Drogen sind erlaubt, werden gesponsert; alles amüsiert sich, wenn man mal so richtig einen über den Durst getrunken hat, aber wenn einer Cannabis genommen oder angepflanzt hat, dann kommt er ins Gefängnis.

Was halten Sie von der aktuellen Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler?

Die hat entweder keine Ahnung oder leugnet ihre Ahnung. Ich würde gerne mal mit ihr diskutieren, weil alle Argumente, die sie bringt, reine Ideologie sind. Und wir sehen ja gerade, wie etwa aus den USA, aber auch aus vielen anderen Ländern, inzwischen eine starke Cannabis-Legalisierungswelle kommt. Die USA sind das Urland, da ist ja der Drogenkrieg geboren worden, der Krieg gegen die Drogen. Und die waren weltweit bei der Bekämpfung von Drogen immer an der Spitze, auch von Cannabis, und jetzt haben Sie in fast allen Staaten der USA die völlige Freigabe für medizinische Zwecke erreicht und Sie haben in einigen, auch großen Staaten der USA, und dem größten glaube ich, Kalifornien, auf Volkswillen hin eine volle Legalisierung umgesetzt. Das wird nicht ohne Auswirkungen auf Deutschland und die Politik hier bleiben.

Und würden Sie demnächst nochmal für Friedrichshain-Kreuzberg eine Anfrage für ein Cannabis-Modellprojekt stellen?

Ja, das ist am Laufen. Wir haben das ja als Versuch rund um den „Kotti“ (Anmerkung: Kottbusser Tor) angemeldet und geplant, ist abgelehnt worden. Aber da gibt es einen langwierigen Rechtsweg und den werden wir beschreiten. Aber da sind ja inzwischen nicht nur Kreuzberg und der Kotti, sondern da gibt es mehrere gleichgerichtete Initiativen, auch in anderen Bundesländern wie Bremen zum Beispiel. Also mit denen zusammen muss man das fordern und es ist völlig absurd, dass die Bundesregierung und die Bundesbehörden sich nicht dafür starkmachen, mal so einen Versuch zu unternehmen. Da könnte man doch mal gucken, wie sich das dann da auf die Szene auswirkt, auch die ganze kriminelle Szene. Die siedelt sich ja immer rund um Verbote an, weil da die Sachen teuer sind, da lässt sich unheimlich viel Geld verdienen, weil man natürlich dann die Drogen, die man illegal erwirbt, teurer machen kann. Man könnte diese Szenen austrocknen, die gäbe es dann nicht mehr.

Ich habe als Anwalt 30 Jahre damit verbracht, immer wieder festzustellen, welche schrecklichen Verbrechen in Zusammenhang mit diesen Drogenszenen passieren. Und so wären die nicht passiert, wenn es diese Kriminalisierung und Verbote nicht gegeben hätte, so wie damals beim Alkohol in den Vereinigten Staaten, in Chicago. Da hat die Mafia gewütet, solche Gangster-Truppen, die blühen überall auch in Deutschland heute auf. Das könnte man von einem Tag auf den anderen, wie es in Chicago gewesen ist, austrocknen. Das wäre zu Ende, wenn man das legal irgendwo um die Ecke, in einer Apotheke oder einem anderen Laden kriegt.

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Hans-Christian Ströbele von den Grünen mit mir (links) auf der Hanfparade in Berlin

Letzte Frage: Geben Sie mal eine realistische Einschätzung ab. Ab wann glauben Sie,  darf ich legal an einem Feierabendjoint ziehen?

Also ich tue das ja sowieso nicht und habe das auch nicht vor und noch nie gemacht. Aber es ist ja in Deutschland – und daran sehen Sie, dass die harte Linie bereits aufgeweicht ist – ein Gesetz vom Bundestag verabschiedet worden, wonach für Kranke Cannabis genehmigt werden kann. Leider funktioniert das nicht. An mich wenden sich immer wieder Leute, die sagen: „Wir haben in der Hoffnung darauf, für die eigene Krankheit, für die Krankheit der Ehefrau oder der Kinder, versucht, das Zeug zu bekommen, wir haben auch ein ärztliches Attest, aber wir kriegen es nicht. Vor allem weigert sich die Krankenkasse, die Kosten zu übernehmen. Das kann nicht sein, dass man dieses Gesetz so gestaltet, dass man Kranken, also denen andere Medizin nicht hilft, das verweigert. Das ist Beihilfe zur Körperverletzung, weil man denen helfen könnte, man könnte ihren Schmerz lindern oder bei vielen sogar beseitigen, wenn man ihnen Cannabis geben würde. Das wird aber aus ideologischen Gründen nicht gemacht. Das ist ungeheuerlich.

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