Feind. Freund. Russland. – Gesellschaft

Feind. Freund. Russland. – Gesellschaft

Russland – Inbegriff des Bösen und Feindbild der freien und modernen westlichen Welt. Seit Jahrzehnten sind die Beziehungen mit der ehemaligen Großmacht von Streit, Auseinandersetzungen und der drohenden Eskalation geprägt. Doch auch innerhalb des Landes flammen immer wieder neue und alte Konflikte auf. Darum ist es notwendig, sich mal mit dieser vermeintlichen Bedrohung zu beschäftigen.

Die russische Gesellschaft

Um Russland mitsamt seiner Politik und Wirtschaft verstehen zu können, muss man das Leben der Landsleute sowie die Entwicklungen der russischen Gesellschaft kennen und nachvollziehen können. Das Zusammenleben in Russland kann man nicht mit den Maßstäben der westlichen Hemisphäre messen. Bis Anfang der 90er-Jahre hat die damals noch sowjetische Gesellschaft sehr abgeschirmt hinter dem Eisernen Vorhang gelebt. Die ganzen progressiven und liberalen Entwicklungen, die bis dato in Europa und den USA stattgefunden hatten, haben die Russen nicht miterlebt. Dadurch etablierte sich ein ganz eigenes Wertesystem.

So spielt beispielsweise die Religion, genauer gesagt die orthodoxe Kirche, eine sehr große Rolle. Etwa 75 % der Russen sind Anhänger der ROK (russisch-orthodoxen Kirche). Das führt dazu, dass das Verhältnis zwischen Politik und der konservativen Kirche sehr verstrickt ist. Beide nutzen die Ideologisierungen des Andern und profitieren von gegenseitigen Einflussnahmen. Deshalb kann die ROK aufgrund von Kooperationsverträgen und gewissen Vernetzungen bestimmte Gesetze mit ausarbeiten und korrigieren. Dieser in der Gesellschaft fest verankerte Konservativismus und das Ausbleiben einer sexuellen Revolution führen zu der staatlichen wie gesellschaftlichen Diskriminierung von Homosexuellen. Schätzungen zufolge lehnen bis zu 80 % der Russen Homosexualität ab (in der BRD sind es nur ca. 8 %). Natürlich ist das ein Zeichen von Rückständigkeit und wir dürfen diese Ausgrenzung von Schwulen und Lesben auch nicht einfach nur mit der Begründung „Die Russen sind halt so“ hinnehmen. Aber gleichzeitig dürfen wir den Russen die Akzeptanz von Homosexuellen nicht von oben herab aufzwingen und erwarten, dass im russischen Parlament schon in einer Woche die Ehe für alle beschlossen wird. Meiner Meinung nach muss sich die russische Bevölkerung selber in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in diese Richtung entwickeln und vor allem die russischen Schwulen und Lesben müssen in ihrer Familie, auf ihrer Straße, in ihrem Dorf für ihre Akzeptanz kämpfen. Auch bei uns ging das nicht von heute auf morgen und auch bei uns werden immer noch täglich Homosexuelle diskriminiert.

Desweiteren wirken der russische Patriotismus, die starke Vaterlandsliebe und der Putinkult auf den Westen sehr befremdlich. Ich glaube, dass durch diese Mittel zum Teil Großmachtfantasien geschürt werden sollen. Denn seit dem Einbruch der Sowjetunion und dem Verlust von Macht und Einfluss Anfang der 90er-Jahre hatten die Russen den Glauben an ihr Land und somit auch an Selbstvertrauen verloren. Jedoch sollte man in dem Zusammenhang auch die patriotische und militaristische Erziehung der Kinder und Jugendlichen kritisieren. Denn durch diese Art und Weise der Erziehung bilden sich die herangehenden Erwachsenen kaum noch eine eigene Meinung, hinterfragen kaum noch etwas und leben direkt in diesem Trend des Nationalstolzes. Aber vermutlich ist genau das das Ziel davon.

Würde man am 8. Mai durch eine deutsche Stadt laufen und die Menschen befragen, wüsste wohl kaum einer, was es mit diesem Tag auf sich hat. Erst am Abend des 9. Mai, wenn in der Tagesschau von der großen Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau berichtet wird, wissen wir, dass es sich um den Jahrestag des Endes des 2. Weltkrieges handelt. Gerade auf uns Deutsche wirken diese Bilder aus Russlands Hauptstadt verstörend und wir haben weitestgehend kein Verständnis für eine solche „protzige“ Veranstaltung an einem solchen gedenkvollen Tag. Doch selbst bei den Russen mit ihren Militärparaden geht es darum: Gedenken. Wir Deutschen nehmen diesen Tag meistens gar nicht wahr und wenn, dann gedenken und erinnern wir uns leise, still und betonen unsere Verantwortung, dass sich ein solches Ereignis nie wiederholen darf. Auch die Russen sind sich dieser Verantwortung natürlich bewusst, aber wird hier wesentlich lauter, offensiver und bewusster an den 2. Weltkrieg erinnert. Die Russen verstehen sich als Sieger über das faschistische Deutschland bei einem Krieg, den sie nicht angefangen haben, und machen das am 9. Mai deutlich. Um mehr Verständnis und Akzeptanz für dieses Ereignis aufzubringen, sollte man erwähnen, dass die Sowjetunion mit etwa 27 Millionen Toten die meisten Opfer zu beklagen hatte. Dadurch findet sich in fast jeder Familie ein tragisches Schicksal aus dem 2. Weltkrieg, wodurch die Wahrnehmung in Russland nochmal viel größer ist.

Was Deutschland und Russland jedoch gemeinsam haben, ist die Schönrederei der Politiker über die soziale Ungleichheit im Land. Die Russen haben mit einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 500 € und einer Kinderarmut von 24 % (Europa: 6 % – 8 %) eine 10 % höhere Ungleichheit als die US-Amerikaner zu beklagen. Doch gibt es von 2003 bis 2013 einen Rückgang von 29 % auf 13 % von dem Anteil der Bevölkerung, der von Armut betroffen ist. Etwa ein Erfolg des bösen Putins?

Abschließend lässt sich sagen, dass die Russen mit ihrer Kultur eine Bereicherung für Europa sind. Sie mögen sich zwar als der erzkonservative Gegenpol zur westlichen Welt verstehen, aber fühlen sie sich dennoch zu Europa verbunden. Wir sollten bedenken, dass Russland nicht nur Putin und Gazprom ist, sondern vor allem ein Volk mit Menschen, die sich genauso nach Frieden und Verbundenheit sehnen wie wir.

Quellenverzeichnis folgt auf den letzten Artikel des Russland-Specials.

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