Brandherd Syrien

Immer noch erreichen uns jeden Tag schreckliche Nachrichten aus dem Kriegsgebiet Syrien. Luftangriffe auf Schulen und Krankenhäuser und der Einsatz von Chemiewaffen werden für uns durch das „immer noch“ zu Randnotizen und dass dort jeden Tag hunderte Zivilisten sterben, nehmen wir kaum noch wahr. Wir finden uns damit ab, nein, ignorieren es, leben unseren Alltag lieber weiter als uns mit den Geschehnissen auseinanderzusetzen. Der ein oder andere schimpft sogar noch darüber, dass die Flüchtlinge uns zu viel Geld kosten und uns die Wohnungen und Frauen wegnehmen.

Wir, die gesamte Europäische Union, haben bei diesem Krieg nur die Zahl der Flüchtlinge und der potentiellen Terroristen im Blick. Das dort im Nahen Osten unschuldige Menschen in Angst leben müssen und jede Sekunde damit rechnen müssen, dass Bomben auf ihre Häuser und ihre Familien fallen, das ist für uns zur Nebensache geworden. Dass Du und ich diesen Krieg nicht beenden können ist klar, aber leider scheint die gesamte westliche Politik hilflos. Und um ehrlich zu sein, weiß von uns doch keiner ganz genau, wer sich in Aleppo warum gegenüber steht und wer jetzt die Guten und wer die Bösen sind, wenn es die überhaupt gibt. Also stellt sich die Frage:

Was passiert denn eigentlich in Syrien?

Angefangen hatte alles mit dem Arabischen Frühling 2011, bei dem die sunnitische Bevölkerungsmehrheit friedlich gegen den Staatspräsidenten Baschar al-Assad und für eine Demokratisierung des Staates Syrien demonstriert hat. Al-Assad gehört der islamischen Glaubensrichtung der Alewiten an und wird hauptsächlich von den Minderheiten im Land wie Schiiten oder Christen gestützt. Als er seine Macht in Gefahr sah, versuchte er, die Aufständischen gewaltsam zu stoppen. Doch diese fingen an, sich zu bewaffnen. Ab Sommer 2012 ließ Assad dann die ersten Fassbomben auf sein eigenes Volk fallen und im Jahr darauf setzte sein Regime sogar Giftgas ein. In dieser unsicheren Lage konnten dschihadistische Terrorgruppen, also militante extremistische Islamisten,  gut gedeihen und wachsen. Und so ruft 2014 der IS ein Kalifat in Teilen Syriens und im Irak aus und auch die al-Nusra-Front breitet sich in Syrien aus. Eine von den USA angeführte Allianz fängt noch im selben Jahr an, Luftschlägen gegen die Terrororganisation IS zu fliegen. Die Vereinigten Staaten sind auf der Seite der gemäßigten Rebellen, unterstützen diese jedoch nicht militärisch. Und weil klar war, dass sich die USA nicht weiter in diesem Konflikt einmischen wollten, nutzte Putin seine Chance, um sich eine Machtposition zu sichern und seinen Einfluss im Nahen Osten auszubauen.

Seit September 2015 greift Moskau aktiv in den Bürgerkrieg ein und unterstützt das Assad-Regime durch bis jetzt über 13.000 Luftangriffe. Nebenbei und inoffiziell schickt Putin Söldnereinheiten von privaten Militärunternehmen nach Syrien.  Seinem Volk macht er weis, es würde nur gegen den internationalen Terrorismus gekämpft werden und präsentiert sich international selber als Vermittler. Außerdem kämpfen die Hisbollah-Miliz und weitere schiitischen Milizen aus dem Irak, dem Iran und Afghanistan an der Seite des Assad-Regimes. Das wäre nämlich ohne all diese Unterstützung gar nicht überlebensfähig, da die Kampfkraft seiner Armee nur äußerst gering ist. Auch Saudi-Arabien und die anderen Golfstaaten mischen in Syrien mit. Diese finanzieren vor allem radikale sunnitische Rebellengruppen und beliefern sie mit Waffen. Natürlich nicht offiziell, sondern lediglich aus privaten Quellen. Mehr Engagement kann sich Saudi-Arabien jedoch nicht leisten, weil es in seinem Nachbarland Jemen einen Stellvertreterkrieg mit dem schiitischen Iran führt.

Und wer fehlt auf dem Kriegsschauplatz noch? Na klar, Erdogan. Anfangs unterstütze die Türkei die Aufständischen gegen al-Assad, aber mittlerweile liegt Ankaras Priorität darin, seine Staatsgrenze zu Syrien gegen den IS und die Kurden zu verteidigen. Die Kurden wurden von den USA unterstützt und konnten so große Teile Nordsyriens einnehmen. Erdogan möchte nun ein zusammenhängendes Kurdengebiet verhindern.

Zusammengefasst ist die Lage in Syrien äußerst unübersichtlich. Über ein Dutzend Akteure bekämpfen und unterstützen sich gegenseitig, die USA und Russland führen einen Stellvertreterkrieg  und ein tiefsitzender religiöser Konflikt innerhalb des Islams zwischen Sunniten und Schiiten wird mit in Syrien ausgetragen.

Der gesamte Westen weiß, auf welcher Seite er im Syrien-Konflikt steht, gibt sich aber trotzdem hilflos und zählt lieber weiter die Anzahl der Asylanträge. Bisher kamen zwischen 250.000 – 470.000 Menschen ums Leben. Genauere Zahlen sind nicht bekannt, da die Lage zu unübersichtlich ist. Was man aber weiß ist, dass die meisten Toten auf das Konto von Baschar al-Assad gehen und nicht in der Schuld des IS liegen. Und um an der Macht zu bleiben, werde Machthaber Assad so viele Syrer töten lassen, wie die Welt ihn töten lasse, kommentiert Christoph Sydow von „Spiegel Online“.

Wie sieht die Zukunft für Syrien aus?

Bis jetzt sind alle Versuche, eine diplomatische Lösung zu finden, gescheitert.  Baschar al-Assad zeigt sich kompromisslos und will seine Macht über Syrien behalten bzw. ausbauen. Während Frankreich zum Beispiel jegliche Verhandlungen mit ihm ablehnt, sind einige EU-Staaten wie Österreich oder Spanien mittlerweile soweit, einen Kompromiss mit Assad einzugehen. „Die politische Zukunft des Landes wird und muss ohne Assad stattfinden.“, erklärt unser Außenminister Steinmeier. Und wie genau sich die USA unter Trump verhalten werden ist auch noch unklar.

Zwar ist ein Ende noch lange nicht in Sicht, doch gibt es vier verschiedene Möglichkeiten, den Krieg in Syrien zu beenden. Möglichkeit eins wäre, weiter den Dialog mit dem Assad-Regime zu suchen und weiter Waffenstillstände auszuhandeln. Diese halten aber leider meist nur wenige Stunden oder Tage und sind auf lange Sicht keine Lösung für Syrien. Möglichkeit zwei: Internationale Unterstützung des Assad-Regimes. Für den Iran und Russland ist das die favorisierte Lösung, doch wäre sein Regime zu schwach, um ganz Syrien zu kontrollieren. Lösung drei: Internationale Intervention gegen Assad. Das würde dazu führen, dass der Westen gemeinsam mit den Golfstaaten kämpfen würde. Folglich ständen sich dann die USA und Russland sowie Saudi-Arabien und der Iran direkt gegenüber. Eine Eskalation könnte zu einem „3. Weltkrieg-Szenario“ führen. Und zuletzt könnte man den Staat Syrien teilen wie Israel und Palästina.

Ich bin zwar auch der Meinung, dass jede Mauer auf der Welt eine zu viel ist, aber verglichen mit zahllosen geopferten Menschenleben wäre es das kleinere Übel. Zugegeben sind alle Lösungen nicht das Gelbe vom Ei, trotzdem aber sollte man sich weiterhin dafür bemühen, dass Hilfslieferungen zu den Zivilisten gelangen, notfalls mit einer Luftbrücke, und dass Waffenstillstände durchgesetzt werden. Sonst wird schon bald in ganz Syrien Friedhofsruhe herrschen.

Quellen:

Leitartikel des Spiegels Nr. 41 „Weltkrieg um Aleppo“

Artikel aus der Westfälischen Rundschau des 14. September 2016 „Wer will was in Syrien?“

http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-syrien-alle-wichtigen-fakten-erklaert-endlich-verstaendlich-a-1057039.html#sponfakt=10

http://www.bpb.de/politik/extremismus/islamismus/190499/der-islamische-staat-im-irak-und-syrien-isis

https://www.tagesschau.de/ausland/aleppo-un-107.html

http://www.deutschlandfunk.de/kriegsverbrechen-in-aleppo-vor-unseren-augen.720.de.html?dram%3Aarticle_id=373025Um

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